Behind the Scenes: Robinson Kuhlmann

Robinson Kuhlmann fährt seit 1989 Skateboard und hat nicht vor, daraus Profit zu ziehen, obwohl er mit zwei Freunden im letzten Jahr in München einen Skateshop eröffnet hat. Und genau dieser Ansatz, dass „SHRN“ im Kern mehr um die Szene, die Sache selbst, als um den Ertrag bemüht ist, ist einer der Gründe, weswegen es in München in Sachen Skateboarding derzeit richtig vorangeht. Laut seiner Aussage hat so ein Skateshop gefehlt, allerdings steht er selbst nicht sechs Tage die Woche im Geschäft. Dafür hat er mittlerweile 35-Jährige viel zu viel mit seiner Bar „14“ und dem Restaurant „Attentat Griechischer Salat“ um die Ohren. Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist sicherlich nicht einfach, doch hat Robinson im Laufe der Jahre seinen ganz individuellen Weg gefunden, um Dinge zu bewirken und zu bewegen. Er ist eine ehrliche Haut und als Profi-Socializer geschätzt, wobei eine seiner Aussagen am besten auf den Punkt bringt, was ihn antreibt: „Mir fehlt es auch, abgefuckt, fertig, verschwitzt, fünf Mal geslammt und total im Arsch nach Hause zu kommen, zu duschen – und dass alles weh tut. Es gehört dazu. Ab und zu muss das sein.“

Hi Robinson, wie geht’s dir?
Ich bin entspannt und wollte gleich mal ein bisschen skaten gehen.

Hast du überhaupt Zeit, um skaten zu gehen?
Ja, denn eigentlich ist es so, dass ich meine Läden so aufgeteilt habe, dass ich nicht immer überall da sein muss. Im Restaurant bin ich eher so im Hintergrund und in der Bar ist es eher so ein Abendgeschäft, da ist es wichtiger, dass ich später da bin. Und klar, im Shop schaue dann mal tagsüber vorbei. Da mache ich dann aber meistens schon vormittags meinen Job.

Du teilst dir also das jeweilige Etablissement nach Tageszeit ein?
Eigentlich habe ich schon immer mein ganzes Leben so organisiert. Als ich z.B. noch als gesponserter Skater unterwegs gewesen bin, habe ich es immer so gehalten, dass ich die Nachmittage frei hatte und mir immer Jobs gesucht habe, wo ich schon vormittags was machen konnte, und dann eben abends oder nachts. Und so habe ich es mir auch mit der Selbständigkeit beibehalten, so dass die Nachmittage eher entspannt sind. So kann ich immer was mit den Kindern machen oder auch skaten gehen.

Wo hältst du dich denn momentan am liebsten auf? In der Bar, im Restaurant oder im Shop?
Sagen wir mal so, am liebsten halte ich mich eigentlich in der Bar auf. Dieses abendliche Bar-Ding war schon immer auch ein Traum von mir, und ich habe früh gesehen, dass mir das gefällt, seit ich 15 Jahre alt bin arbeite ich bereits als Barkeeper. Das gehört dazu, da treffe ich meine Freunde und Leute, deswegen finde ich die Bar zum Rumhängen eigentlich am coolsten. Im Restaurant geht es natürlich viel ums Essen, da mag ich es gerne, wenn man in einer großen Gruppe an einem langen Tisch sitzt und viele Leute bewirtet werden.

Der Skateshop ist aus einem städtischen Need gekommen. Früher hatte München den Boarders, das ist dann Ende der Neunziger anders geworden, alles irgendwie so shopping-mall-mäßig. Und auch der Goodstuff, der dann diese Position eingenommen hat, war nicht, was ich mir als Jugendlicher für einen Skateshop vorgestellt hatte; es gab viele Snowboards und viel Fashion. Als dieser dann an Blue Tomato verkauft wurde, haben ich und (Simon) Esel uns die ganze Zeit gefragt, warum es eigentlich keinen coolen Shop gibt, bei dem das Skate-Feeling zu 100% an erster Stelle steht. Irgendwann war dann die Idee geboren, es einfach zu versuchen.

Es war sicherlich hilfreich, dass ich finanziell gesettled gewesen bin durch eine Bar, die am Laufen gewesen ist, und das Restaurant, um dann ein echt hohes Risiko einzugehen und einen reinen Skateshop auszuprobieren. Es ist ein Liebhaber-Projekt. Ich stecke da viel Zeit rein, weil es Spaß macht. Und weil es vom Feeling her so ist, das zurückzuholen, worum es beim Skaten eigentlich geht. Wir haben auch viele kleine Companys, die es vorher in München nicht gab. Companys, die auch etwas Besonderes machen, was man als voll geil verkaufen kann und am Ende ist es so, dass die Leute es dann auch annehmen.

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Das heißt, die Leute in München nehmen auch kleinere Companys gut an?
Total, besonders in der letzten Zeit ist es extrem, das ist zu einem gewissen Teil auch eine Preisfrage, besonders da es mittlerweile möglich ist, Sachen in Deutschland zu produzieren, die vom Preis-Leistungs-Verhältnis besser sind als manche Importprodukte aus den Staaten. Es geht aber auch nicht nur um die Preise, sondern auch darum, dass es mittlerweile viele europäische Brands schaffen, eine neue Art von Interesse zu wecken.

Ähnlich wie vielleicht bei den Lebensmitteln, wo man heutzutage lieber eine Milch aus der Umgebung kauft, und den großen Amerika-Hype sehe ich gerade etwas am Abflauen. Außerdem ist wieder mehr Kreativität im Spiel, als nur Hardcore-Banger-Skating. Das ist interessant und es macht Spaß, das zu supporten. Es hat sich in Europas Skate-Situation auch viel getan. Wenn ich weiß, dass ich z.B. durch den Verkauf von Radio ein paar Leute aus Berlin unterstütze, weil die cool drauf sind und geiles Zeug machen, dann bin ich näher dabei, als würde ich z.B. ein Ami-Board verkaufen.

Ihr habt den Shop vor anderthalb Jahren eröffnet, was hat sich seitdem in München verändert?
München war ja in den Neunzigern schon mal richtig am Start, die Fotografen waren hier, es gab Filmer und es ging halt immer was. Es gab gute Skater wie Stefan Lehnert, Mark Achmüller oder Kilian Heuberger, und spotmäßig war immer etwas geboten, denn eigentlich hat München wahnsinnig viele Spots. Nur wenn die Struktur fehlt, dann ist es schwierig. Ich will nicht sagen, dass wir mit unserem Skateshop alles verändern können, das ist nur ein Teil von allem. Lange Zeit galt München als zerstritten, zu dem Zeitpunkt hat hier kaum eine Firma richtig Gas gegeben.

Doch diese Generation wurde abgelöst durch Kids, die sich allerdings eher in einer Null-Bock-Situation befanden, weil sie kein Shop so wirklich unterstützt hat. Und bei uns gibt es klare Ansagen bei den Firmen, die wir führen, dass diese sich verpflichten, auch einen Teamfahrer von uns zu unterstützen. Das heißt nicht, dass sie den Fahrer ins Team nehmen müssen, aber sie sollten die Jungs ab und zu etwas mit Stuff unterstützen, die Leute halt, bei denen wir sehen, dass sie es drauf haben. Das können wir uns ansonsten als kleiner Shop einfach nicht leisten.

Und die Companys können sich auf uns verlassen und dadurch pushen wir die Szene, weil z.B. Joscha (Aicher) nun einen Nike SB-Deal geflowt bekommt. So können die Jungs ihre Kohle, die sie an Ware sparen z.B. in Reisen investieren und werden dadurch auch bekannter. Ob es sich mit dem Shop irgendwann mal rentiert, steht in den Sternen, doch momentan sind wir happy, wenn Esel anständig bezahlt wird und alle ihre Arbeitszeiten entlohnt bekommen, so dass es cool ist.

Arbeiten auch Skater z.B. bei dir im Restaurant? Wir haben gehört, dass Tommy Brandelik bei euch ist…
Es gibt eine Sache, die ich in der Gastronomie gelernt habe: Es muss ein gewisses Maß an Professionalität gegeben sein, aber auch das Verhältnis unter den Leuten muss stimmen. Von daher ist es gut, sich regelmäßig jüngere Leute aus dem Umfeld ranzuholen. So kommt immer wieder ein Skater dazu, von dem ich weiß, dass er gut skaten kann. Ich weiß, wenn jemand gut Skateboard fährt, dann kann er auch gut arbeiten, weil er Abläufe versteht, weil er…

Haha, das ist aber ganz schön hoch gegriffen…
Doch, es ist tatsächlich so, das darf man nicht unterschätzen! Ich meine natürlich nicht irgendwelche Typen, die sich den ganzen Tag Joints rein rauchen und sich ihre Zeit nicht einteilen können. Jeder kann machen, was er will, aber es ist einfach so, dass ich die besten Erfahrungen mit Skateboard-Fahrern gemacht habe, die unter Stresssituationen auch noch schnell arbeiten können.

Es gibt immer ein paar Leute, die es checken und die sind cool und ich supporte immer lieber Leute wie Tommy, von denen ich weiß, dass sie sich den Arsch aufreißen. Er ist z.B. nicht der Typ, der sich bei Sponsoren anbiedert und um Kohle feilscht, der will lieber seinen eigenes Leben haben und einen ehrlichen Job, wo er nebenbei Kohle verdient. In München kann man sich in der Gastronomie eben auch in ein paar Tagen bereits ein gutes Gehalt erarbeiten. Tommy ist übrigens Barmann bei uns im Restaurant, er ist in der Gegend groß geworden und das bringt auch mit den Gästen ein nachbarschaftliches Verhältnis in den Laden.

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Was macht eigentlich das Zebra bei euch im Restaurant?
Immer wenn ich was Neues gemacht habe, habe ich mir zum Ziel gesetzt, was zu machen, was es noch nicht in München gibt, aber trotzdem seine Berechtigung hat. Dazu gehört stets ein Alleinstellungsmerkmal, damit die Leute Anhaltspunkte haben, um sich untereinander Sachen zu erzählen. „Hey, warst du eigentlich schon mal in Giesing, in dem Restaurant oben mit dem Zebra? Also kennste das Zebra oder kennste es nicht?“ Das ist vom Ding her so einschneidend. Das steht mitten im Eingang vor der Bar rum, nervt total, du musst dich immer daran vorbeiquetschen, die Teller werden drumherum getragen und der Laden ist immer richtig voll, aber mitten drinnen steht noch ein Zebra rum.

Und dann heißt der Laden auch noch „Attentat Griechischer Salat“, da gibt es Essen, die heißen „Attentat Blut“. „Was ist bei denen eigentlich los?“, fragen sich die Leute. „Aber hey, hast du das Essen schon mal probiert? Das schmeckt voll geil.“ Das Beste ist immer, wenn die Leute aus irgendwelchen Gründen über irgendwas reden.

Was geht mit Bastian Schweinsteiger? Ich habe gehört, es gibt bei euch in der Bar einen Drink namens „Schweinsteiger-Schorle“?
Kenne ich nicht, wer ist das? Haha… bei uns gibt’s keine Promis! Aber im Endeffekt ist es so: Egal wer kommt oder wer nicht kommt, eine Bar ist eine Bar, jeder Gast ist gleich. Auch wenn München eine hohe Promi-Quote hat und man den einen oder anderen durch jahrelange Gastronomie-Erfahrung kennt, ist es eher so, dass wir bei diesem Thema doch zurückhaltend sind. Bei uns kommt schon mal Elyas M’Barek vorbei, aber auch nur, weil er’s cool findet und eben nicht tausendmal angelabert wird.

Und klar, wenn du zu uns in die „14“ kommst und eine Schweinsteiger-Schorle bestellst, bekommst du einen Vodka Cranberry. Der eine oder andere schneit schon mal rein, es ist aber auch in München nicht so außergewöhnlich, dass mal Matthias Schweighöfer oder Nora Tschirner vorbeikommen. Wir sind aber kein Promi-Laden, davon gibt’s in München genug andere. Aber es kann auch schon mal passieren, dass Mehmet Scholl bei uns auflegt, haha…

Hast du denn weitere Pläne, oder bist du momentan erst mal happy?
Es ist erst mal nichts geplant, was meinem absoluten Traum noch entspricht. Ich habe ’ne Bar aufgemacht, das war schon immer mein Traum, unabhängig davon wollte ich bis 30 Vollgas geben beim Skaten, schauen was geht, alles mitnehmen und viel von Europa sehen. Aktuell bin ich froh, dass ich einfach in München sein kann und immer mehr gesettled bin. Mit der Bar ging es mir gut, doch ich dachte, dass etwas Zweites gut sein könnte. Ein Restaurant, das ein bisschen ruhiger läuft, das ist auch etwas gemütlicher und bedeutet nicht nur so Abende, an denen alle Vodka-Bull saufen und total dicht sind.

Ich mag es, den Leuten einen guten Service und gutes Essen zu bieten; sie sind dann happy, weil sie was Geiles gegessen haben und einen schönen Abend hatten. Und ja, wenn man dann zwei Sachen hat und einigermaßen abgesichert ist, kann man eben auch mal in einen Skateshop investieren, wo man vorher nicht sicher sein kann, ob es funktionieren wird. Das war dann noch mal ein neuer Traum. Was in Zukunft noch passieren wird, geht wohl in die Richtung temporäre Clubs oder evtl. mal eine Underground-Bar auszuprobieren, so etwas kann schon passieren.

Das ist irgendwo in mir drinnen, wenn sich die Möglichkeit für eine gute Idee ergibt, aber ich bin gerade nicht rastlos auf der Suche danach. Mit den drei Sachen bin ich gerade happy, es wird gut angenommen und macht Laune. Alles Weitere wird sich ergeben. Ansonsten kann ich nur jedem raten, das zu tun, was einem Spaß macht.

Interview: Benni Markstein
Fotos: Burny