Isabelle Pé – Teenage Angst

Wer der Meinung ist, dass Frauen im Skateboarding unterrepräsentiert sind, hat Unrecht. Man sieht knackige Hintern auf T-Shirts und Postern, breitbeinige Blondinen auf Deck-Prints und Wachs in Form von prallen Titten. Nicht zu vergessen: die zahlreichen Groupies als Zuschauerinnen bei Contests.

Man sieht sie wirklich überall. Überall – nur eben nicht AUF dem Skateboard. Wie kommt das? Weil Skaten Jungensache ist? Weil es gefährlich ist? Weil Mädchen sich nicht gerne die Handgelenke oder Knie aufschürfen? Weil Skaten Mut, Durchhaltevermögen und Eier abverlangt? Weil Mädchen einfach mehr Angst haben als Jungs?

Ich habe mit neun Jahren angefangen Skateboard zu fahren und mit 15 wieder aufgehört. Warum eigentlich? Nicht, weil ich mir zu oft wehgetan habe und aufgeben musste, sondern weil etwas viel Katastrophaleres passiert war: die Pubertät.

Die Kindheit war vorbei. Dieses unbeschwerte Leben als kleiner Mensch, als man nur das tat, wonach einem der Sinn stand, wich plötzlich der großen Suche nach der eigenen Identität. Plötzlich wollten die Jungs unter sich sein und die Mädchen genauso. Die Jungs fanden Schutz in der Gruppe, aber ich fand keine anderen Mädchen. Es gab keine Girls-Crew, mit der ich mich über Tricks, Achsen und die dummen Blicke der Jungs hätte austauschen können.

Ich glaube, Mädchen haben mehr Angst als Jungs. Aber nicht davor, fünf Stufen einer Treppe herunterzuspringen, sondern davor, im Skaten letztlich nie wirklich dazuzugehören. Angst, nicht akzeptiert zu werden, komisch auszusehen, nicht attraktiv zu sein.

Man will nicht sein, wie die halb nackten Mädchen auf den Unterseiten der Skatedecks – aber auch nicht wie die Jungs, die auf ihnen stehen. Es gibt wenig bis keine Identifikationsfiguren für junge Mädchen, und das ist tragisch. Denn Angst schwindet durch Vorbilder. Und Selbstvertrauen wächst durch Gleichgesinnte.

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Aber es gab sie damals noch weniger als heute, die weibliche Version eines Eric Koston, eines Tony Hawk oder Rodney Mullen. Und wenn doch, dann waren sie nicht sichtbar. Auf keinem Cover, in keinem Videopart und in keinem Interview. Es fühlt sich komisch an, wenn die einzigen sportlichen Vorbilder Männer sind.

Denn auch wenn ich damals keinen Zweifel daran hatte, ein vollblütiges Mädchen zu sein und gerne eins war, hatte ich Zweifel daran, ob der Sport, den ich so liebte, für mich noch das Richtige war. Also spielte ich wieder mehr Tennis. Das machten die anderen Mädchen auch. Das kostete keine Überwindung, darin fühlte ich mich wohler.

Heute stehe ich als 30-Jährige im Skatepark und frage mich, warum ich die letzten 15 Jahre eigentlich nicht hier war. Denn jetzt scheint die Sorge darum, was andere denken, was richtig und was falsch, was männlich und was weiblich ist, verwachsen zu sein.

Die Unsicherheit und die Angst von früher sind heute unter Kontrolle gebracht. Nur leider wurden sie stattdessen mit einem anderen, ganz neuen Unwohlsein ersetzt. Heute hab ich Angst, mir beim Drop-In die Vorderzähne auszuschlagen, kann auch keinen Kickflip mehr und bin nach 20 Minuten rollen völlig fertig.

So fühlt man sich dann doch wieder ähnlich wie damals: etwas fehl am Platz. Das Schöne ist aber, dass ich heute Frauen kenne, die auch wieder mit dem Skaten angefangen haben – viele Jahre nachdem sie aus denselben Gründen wie ich im selben Alter aufgehört hatten.

Drängt sich allerdings die Frage auf, ob das sein muss. Ob wir nicht anfangen können, mehr das zu tun, was uns wichtig ist und weniger das, von dem wir denken, es sei richtig. Was spielt es für eine Rolle, wie man auf andere wirkt, solange es einen selbst glücklich macht?

Heute, 15 Jahre später, habe ich die Freundinnen gefunden, die ich früher vermisst habe. Wenn uns heute jeder 10-Jährige in Grund und Boden skatet, geben wir uns trotzdem für jeden 5cm-Ollie Props. Heute mache ich mir zwar manchmal immer noch zu viele Gedanken, aber ich skate trotzdem. Denn der Raum ist da. Wir müssen nur anfangen, ihn auch einzunehmen.

Skateboarding braucht mehr Menschen wie Anna Groß, die mit Suck My Trucks den einzigen deutschen Contest für Frauen organisiert. Skateboarding braucht eine Industrie, die Frauen nicht als sexualisierte Groupies darstellt, sondern als Sportlerinnen ernst nimmt.

Skateboarding braucht mehr Brands wie Hoopla und mehr Vorbilder wie Patti McGee oder Elissa Steamer, die von den Medien wahrgenommen werden. Skateboarding braucht mehr Mädchen, die sich zusammenschließen und gemeinsam einen Scheiß drauf geben, Wenige von Vielen zu sein.

Illustrationen: Atelier Conradi

Dieser Beitrag von Isabelle Pé findet sich in unserer Jubiläumsausgabe, die du hier bestellen kannst.