Neighborhoodtalk – Foxygen

Mal ehrlich: Wenn man mit Blick auf das Anwesen von Wrestling-Hero Hulk Hogan aufwächst, kann man wahrscheinlich später im Leben keine normale Frisur haben, keinen gewöhnlichen Job ergreifen, Briefträger werden oder Lehrer vielleicht, und wenn man schließlich, mit 15, etwas gefunden hat, um die daraus resultierende Verwirrung und Kreativität auszudrücken und zu -leben, dann kann sich das, die Zwei-Meter-Statur des schnurrbärtigen Nachbarn im Hinterkopf, wahrscheinlich auch nicht in den Bahnen des Üblichen bewegen: Foxygen sind Tür an Tür mit ihm aufgewachsen, und die Musik, die sie dieser Tage auf ihrem dritten Album „… and Star Power“ vom Stapel lassen, ist dermaßen durchgeknallt und offenporig, dass selbst Mr. Hogan dazu tanzen dürfte – immerhin stammt sie gewissermaßen aus „seiner Zeit“, den späten Siebzigern…

Seit 10 Jahren als Duo aktiv und immer schon dem Sound der Sechziger und Siebziger verschrieben, haben Multiinstrumentalist Jonathan Rado und sein Sänger-Buddy Sam France dieses Mal ganze 24 Songs aufgenommen, zum Teil sogar verschnürt als kaputte Suiten; sie nehmen sich über 80 Minuten Zeit, um so ziemlich jeden Retro-Sound durchzudeklinieren, von superslick-eingängig bis komplett improvisiert, von Drogen-Pop bis Psych-Rock und zurück, der in den Heydays ihrer Eltern aus irgendeiner verrauchten Garage zu hören war – womöglich der von Mr. Hogan.

Obwohl in ihrem Retorten-Heimatort Westlake Village tatsächlich „viele alternde Stars leben“ (z.B. Al Bundy aka Ed O’Neill), wie Jonathan berichtet, bezieht sich der Titel ihres neuesten Werks, „… and Star Power“, keineswegs auf diese Sternchen – wobei natürlich die Albumgäste, unter anderem Musiker von den Flaming Lips und Of Montreal, auch eine gewisse Leuchtkraft haben. Wir haben uns mit den beiden Mittzwanzigern in der Nähe vom PLACE-Office getroffen, um herauszufinden, weshalb sie mit ihrem Sound so weit in die Vergangenheit schielen.

Jungs, letztes Jahr sah’s ja nicht so gut aus bei euch: Die ganzen Gerüchte im Netz, die Tour-Absagen nach dem Beinbruch, das klang ja fast nach Band-Auflösung… aber ihr habt’s ja anscheinend erfolgreich überwunden. Was habt ihr daraus gelernt?
Jonathan Rado: Ich weiß gar nicht, ob wir jetzt großartig eine Lektion daraus gelernt haben, aber das alles hat uns auf jeden Fall als Band noch stärker zusammengeschweißt. Ansonsten machen wir ja im Grunde genommen immer noch das, was wir schon immer gemacht haben, seit 10 Jahren. Wir hoffen halt, dass die Leute in Zukunft nicht wieder irgendetwas in den falschen Hals kriegen… was aber natürlich nicht ausbleiben wird.

Glaubst du?
Sam France: Na ja, insgesamt ist die Stimmung schon positiver inzwischen.
JR: Ja, ruhiger ist’s geworden, aber manchmal schaue ich mich im Netz um und dann schreibt da irgendwer Sachen à la „Diese Typen sollten endlich mal weniger LSD nehmen.“ Und dabei habe ich noch nie LSD genommen! So Sachen wird’s wohl immer geben, da muss man sich einfach dran gewöhnen.

Trotzdem hat es doch sicherlich das neue Album beeinflusst: Hattet ihr das Gefühl, dass ihr euch jetzt einfach noch mehr auf das konzentrieren müsst, worum es eigentlich geht – die Musik also?
SF: Auf jeden Fall. Uns war einfach wichtig, dass die Leute uns wieder im richtigen Licht sehen. Und wir waren voll motiviert, sagten uns: „Okay, jetzt machen wir ein komplett anderes Album“, ein langes, verrücktes Teil, und wir scheißen einfach drauf, was die Leute darüber denken.

Der Plan also lautete, ein „langes, verrücktes Album“ aufzunehmen? Das, und sonst nichts?
SF: Genau!

Lustig, ich hab mich schon gefragt, wie viel davon wohl spontan entstanden ist, einfach so im Moment, und wie viel davon im Vorfeld geplant war?
JR: Das war eine Mischung aus beidem. Bevor wir mit der Arbeit begannen, haben wir uns erst mal hingesetzt und das komplette Tracklisting aufgeschrieben.

Das komplette Tracklisting? Vorher?
JR: Ganz genau, alles schön in der richtigen Reihenfolge: „Erst kommt dieser Song, dann dieser…“ Zum Teil hatten wir auch einfach bloß den Titel, oder wir hatten nur ein einziges Gitarrenriff.

Und basierend auf dem Titel hast du dann spontan den Text im Studio ausformuliert, oder wie kann man sich das vorstellen, Sam?
SF: Was die Songtexte angeht, habe ich jedes Mal ein Endlos-Dokument in meinem Rechner. Für jedes Album habe ich ein einziges Dokument, das ich immer geöffnet habe. Wenn mir also irgendeine gute Idee kommt, schreibe ich sie sofort auf, und weil da also nur Sachen stehen, die mir als Metaphern gut gefallen, kann ich hinterher einfach ein paar Zeilen da rausnehmen und sie einsingen. Was den Aufnahmeprozess angeht, sind Rado und ich so oder so voll auf einer Wellenlänge, wir hören schließlich auch ganz ähnliche Musik. Er weiß einfach genau, was ich meine, wenn ich im Studio einen Kommentar abgebe.

Ist das so eine Art Geheimsprache, die ihr da entwickelt habt?
JR: Ja, man kann das wohl so nennen.
SF: Ich sage zum Beispiel voll oft „do a Rado“ – was aber alles Mögliche bedeuten kann.
JR: Genau, „do a Rado on it“.

Das klingt dann wie?
SF: Übersetzt heißt das ungefähr: „Mach doch mal diesen einen Sound mit der Gitarre, du weißt schon!“
JR: Ja, ich weiß genau, was er damit meint. Ich mache nun mal so bestimmte Sounds mit Gitarre und Klavier. Als wir unser letztes Album mit dem Produzenten Richard Swift aufgenommen haben, war das zum Teil echt schräg, weil wir uns die ganze Zeit so unterhalten haben und er irgendwann nur meinte: „Ihr zwei kennt euch also schon ein bisschen länger, was?“

Seit der sechsten Klasse…
JR: Lustig daran ist, dass das Resultat hinterher trotzdem nie so klingt, wie wir es besprochen haben: Es gibt z.B. einen Song auf dem neuen Album, „Cannibal Holocaust“, der klang für mich irgendwie sogar ein wenig nach Country, weshalb ich mir also vornahm, ihn noch mehr wie James Taylor klingen zu lassen – was aber überhaupt nicht geklappt hat. Das Ergebnis klingt eher wie eine vollkommen durchgeknallte, kaputte Version von Taylor. Und so läuft es meistens: Wir setzen uns ein Ziel, und dann kreieren wir eine kaputte, vollkommen psychopathische Version von dem, was wir eigentlich im Sinn hatten.

Wie war denn die Stimmung im Studio? Da waren ja schon so einige Gäste an den Aufnahmen beteiligt…
SF: Das war von Anfang an der Plan, mit anderen Leuten zu arbeiten.
JR: Wobei letztlich dann doch nur diejenigen auf der LP gelandet sind, die wir gerade abgreifen konnten. Also die Leute aus anderen Bands, die man da hören kann, die waren halt gerade in der Stadt, hatten ein Konzert oder so. Also haben wir sie für eine Stunde ins Studio geholt und schnell eine Aufnahme gemacht. Die Jungs von unserer Live-Band waren auch stärker daran beteiligt dieses Mal.

Du, Jonathan, hast also inzwischen ein komplettes Studio, richtig?
JR: Genau, allerdings ist es ein Old-School-Studio, in dem nur Tape-Maschinen stehen. Wenn ich also andere Bands produziere, kann ich nicht den neuesten Sound liefern, kein Pro Tools und so. Wenn du ein Album aufnehmen willst, das voll modern klingt, dann bin ich nicht die richtige Adresse für dich, aber wenn du willst, dass deine Platte klingt, als ob sie in den Siebzigern in irgendeiner Garage aufgenommen worden wäre, dann bist du bei mir richtig. Dreckiger Garagen-Sound von 1976, das ist mein Ding.

Aber auf eurem neuen Album passieren so viele Sachen, ihr brecht in so viele unterschiedliche Richtungen auf… wenn ihr mit einer Zeitmaschine in ein Jahr eurer Wahl reisen könntet, welches Jahr würdet ihr auswählen?
JR: 1977.

1977?
JR: 1977, auf jeden Fall. Das war das beste Jahr überhaupt.

Warum?
JR: Nun ja, es gab keinen großen Krieg, man muss sich also keine Sorgen machen, dass man in die Armee eingezogen wird, und überhaupt sieht’s doch so aus, dass alle auf Koks unterwegs sind und es sich einfach mal gut gehen lassen. 1977 ist genau der Moment, bevor dann alles ziemlich düster wird in den Achtzigern. Und was die Musik angeht, ist „Rumours“ von Fleetwood Mac gerade erschienen, Zevon zieht durch die Straßen, und man kann ihn wahrscheinlich sogar für irgendwelche Projekte gewinnen…
SF: Das erste Talking-Heads-Album ist gerade erschienen, die ganze Post-Punk-Sache geht los…
JR: Genau, es ist einfach ein unglaublich gutes Jahr, momentan mein Lieblingsjahr!

Dann liegt euer Sound aber ja noch ein paar Monate neben dem perfekten Jahr: Du solltest dran arbeiten, dass die Produktionen, die in deinem Studio entstehen, nach 1977 klingen.
JR: Das kommt noch. Nächstes Jahr schaff ich’s bestimmt, nach 1977 zu klingen. Der ’77er Sound ist einfach so clean, so sauber. Daran muss ich noch arbeiten.

Viel Erfolg dabei – und danke fürs Gespräch!

Interview: Renko Heuer
Foto: Cara Robbins

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