Renko Heuer – Nostalgia, Ultra

Die Fußspitze verlässt mehr oder weniger unbeobachtet das haltende Grip, gleitet auf den Boden, der Druck auf den hinteren Fuß hat plötzlich keinen Gegendruck mehr, alles hebt ab, dreht sich, vereint sich wieder…

Ocean Howell hat Mitte des letzten Jahrzehnts einen No Comply Revert Bigspin gemacht, vor 25 Jahren hätte man vielleicht auch No Comply Revert Caballerial Shove-It gesagt, und diese Bewegung, erst ein flüchtiger Hauch von Bodenhaftung, dann angetäuschter Richtungswechsel, Kehrtwende zurück, doch das Board darf sich gleich noch eine halbe Drehung weiterbewegen, zeigt ziemlich gut, wie’s um Skateboarding zum Jahreswechsel 2014/2015 steht: Ein Bein in der eigenen Vergangenheit, genauer gesagt in vielen davon zugleich, in Zitatenwelten, nostalgischen Referenzen, bei denen man nicht weiß, ob ein 16-jähriges Kid sie jemals als solche verstehen wird, das andere im hochauflösenden digitalen Überfluss, wo immer noch einer draufgesetzt werden muss: das ist der Bigspin raus.

Versuchen wir’s mit einer These: Auch Skateboarding ist ganz klar in der Postmoderne angekommen (war’s ja eigentlich schon immer, als Kind derselben, als rollendes Surf-Zitat), windet sich, inszeniert sich, persifliert sich, findet sich, plustert sich als vermeintlich authentisch auf, macht sich lächerlich, liefert immer neue Zeitgeist-Variationen seiner endlosen Trend-Narration, dabei kann jedes Oben morgen schon ein Unten sein – und umgekehrt. Hin, her, noch einen mehr. Und vorwärts geht’s weiter. Da kann einem schon schwindelig bei werden, wenn man nicht so ein Retro-Tech-Roboter wie Mr. Howell ist.

„Ich suchte nach einer Identität, und ich fand sie in ultragroßen Baggy-Pants, Mini-Wheels und ramponierten Curbs. Heute besitze ich ein Haus und gebe im Einkaufszentrum Autogramme.“Jerry Hsu

Dieses Hin und Her, verkörpert in der Revert/Bigspin-Version des Klassikers, der zusammen mit Impossible und endlosen Wallride-Varianten momentan seine Renaissance erlebt, ist gerade deshalb ein so gutes Bild von der sich hier vollziehenden Auflösung jeglicher Ordnungskategorien (verschiedene Arten von Nostalgie sind in, schon wieder), weil es in keinen starren Rahmen passt: Es ist fast unmöglich, einen No Comply auf einem Foto festzuhalten – entweder das eine Bein ist noch zu nah am Boden oder es ist schon zu weit weg, sieht gar nicht mehr aus wie jener Trick, den wir vor 18 Jahren noch ironisch gemacht haben. Heisenbergs Unschärferelation lässt grüßen.

Dazu kommt, dass das von nostalgischen VHS-Referenzen verzerrte Bild nicht schärfer wird, wenn einem im Hier und Jetzt plötzlich Beyoncé im Palace-Look entgegengewackelt kommt… aber vielleicht hilft ja ein Blick in die Geburtsstunde von No Comply & Co.: Als nach dem Boom-Jahr 1989 recht bald die großen Player (Powell, Santa Cruz etc.) von den Cool Kids überrannt wurden – erst H-Street, dann Plan B, dann Girl etc. –, fühlte sich das an wie ein Sieg für Skateboarding.

Die alten Säcke waren raus, das Geld für ein neues Deck sollte doch gefälligst denjenigen zukommen, deren neueste Styles man gerade wie ein Hologramm am anderen Ende der Welt, schön auf nassem Kopfsteinpflaster, imitierte – Vision-Pants, dann baggy, dann hell und slim, aber gab’s diese unsäglichen Westen eigentlich überhaupt im Westen? Lieber Carroll als Novak, lieber Kareem als Peralta, lieber Lee als… ja, Lee, eigentlich war Stereo die Ur-Firma in Sachen Nostalgie. Nur schauten sie halt bis ins Jazz-Age zurück, setzten wie rollende Beat-Poets auf Super-8-Ästhetik statt auf die aktuelleren VX1000-Obsessionen oder den hyperabsurden, kaputten Retro-Windows-Quatsch von Bronze… und jetzt?

Jetzt blühen ein paar Zeitgenossen der Genannten erst richtig auf, Dills Fucking Awesome wird nach 13 Jahren, mit Pickeln im Gesicht also, eine „richtige“ Company – und während er selbst uns gerade vor ein paar Wochen gesteckt hat, dass No-Comply-Ruler Ray Barbee sein ultimativer Held ist (war zumindest an dem Tag so), feiern die FA Kids, Dill sei Dank, unter anderem alternde „Kids“ wie Chloë Sevigny – nur feiert die schon ihren Vierzigsten.

CASPER: „Jesus Christ. What happened?“ (RAPID CUT TO BLACK / ROLL FINAL CREDITS)

Dill jedoch, eher verschrobener Body Artist und wandelndes 360-Grad-Zigarettendisplay (backside) als Businessmann, ist wie gesagt nicht allein, denn mit ihm ist ja auch Gino wieder da (noch so ein Typ, dem man schon vor gut 20 Jahren auf 5-fach kopierten VHS-Tapes zugeschaut hat), und dann wären da natürlich auch noch das HOCKEY-Baby (mal sehen wie retroverliebt diese Zukunftsnummer wird) und eben jene Kids wie z.B. den stets etwas zu lang in die Knie gehenden Sean Pablo (remember Achtziger-Nostalgie-Tricks machen – und selbst an Pressure Flips à la 1992 wieder herumdoktern, was jedoch laut Janoski nur Erik Ellington darf, sonst niemand, wie er uns im November persönlich bestätigte –, dabei sieht der junge Mann mit den zu hoch gekrempelten Hosen und der adretten Frisur doch wirklich eher so aus, als stamme er nicht aus den Eighties, sondern aus einer Zeit, in der es noch nicht einmal ’ne Pepsi ohne oder Cola-Light gab. Geschweige denn „cherry“.

Indem Supreme also mit frischem Blut an seine Heydays (ca. 1994-1999) anknüpft – schon „A Love Supreme“ hatte 1995 etwas Nostalgisches, so in schwarz-weiß mit Coltrane – und sich damit für den Moment immerhin von der überteuerten Belanglosigkeit der letzten Jahre erholt hat, hat der „Cherrington“-Effekt natürlich noch eine andere Speerspitze: Pontus – dessen Rise zum Mann der Stunde sich fast schon so anfühlt wie die Wahl von Obama am Tag danach. Der, wie Dill, zuerst Künstler ist, könnte man sagen, und erst an zweiter Stelle Skater (nicht umgekehrt wie z.B. Ed Templeton).

renko2

Early-Adopter-Nostalgiker haben sich schon vor geraumer Zeit mehr von dem DIY-Spirit gewünscht, den Pontus bereits vor 10 Jahren gelebt hat. Savanna Side, Steppe & Co., klar auch unterstützt von Carhartt und so, das war eine gelebte Utopie – am Rande der Gesellschaft, auch der Skate-Gesellschaft. Pontus war Outsider, der seine eigenen Sachen gemacht hat, in Malmö halt, wie Thoreau, nur 160 Jahre später und mit Betonfundament.

„Ich glaube, dass es heutzutage am besten ist, sich möglichst weit vom Skateboarding zu entfernen, um überhaupt skaten zu können“, hat er vor sieben Jahren mal zu uns gesagt, und während die Essenz seiner frühen Concrete-Projekte inzwischen von Corporate-Riesen per Bilderflut mit reichlich #hashtags gewinnbringend verkauft wird, kann man sich bei ihm, immerhin echt kein für MTV und Co. gemachter Typ, trotz Cons-Cash als Back-up, zumindest nicht vorstellen, dass er irgendwann wirklich dem Ausverkauf verfällt.

Die Unübersichtlichkeit, die auch dieses undurchschaubare Zusammenspiel verschiedenster Faktoren auszeichnet – purer Glücksfall innerhalb der Zeitgeist-Schleife und/oder unfassbares Marketing-Genie und/oder „na ja, das Gute gewinnt ja vielleicht doch am Ende“ –, hat Pontus, damals noch komplett unterm Radar, schon seinerzeit ziemlich gut auf den Punkt gebracht: „Anfang der Neunziger war das alles viel einfacher, da konnte ich mich noch mit allem identifizieren, denn du hattest nur H-Street, ‘Video Days’ von Blind, und dann noch ein paar Videos von Powell und Santa Cruz.” Dill vor ein paar Wochen: „Skaten bei Nacht ist so grandios, weil es sich wie ‘This Is Not The Next H-Street Video’ anfühlt.“ Wieso kommt H-Street eigentlich nicht zurück? Oder wollen wir erst noch was bei Benihana’s essen gehen?

„I go to the skate park and there are moms and dads there, the little baby girl has got a skateboard, so it’s not like when I was a kid. Back then there were no little girls with pink helmets.“Danny Way

Während man also darüber nachdenkt, wie exklusiv wohl so eine Mitgliedschaft in der Liverpooler Useless Wooden Toys Society sein mag – ältere Dudes, die VHS-Klassiker gucken und billiges Bier trinken, was braucht man mehr? –, hat man binnen fünf Minuten Radweg schon wieder gefühlte sieben Schüler überholt, die per Banana-Board auf dem Nachhauseweg sind: Ein Bild wie im Jahr 1967, nur farblich etwas kälter. Hat einer von denen gerade etwa „100 bucks, 100 bucks“ gerufen?

Apropos Nostalgie: „Sieben scheint die magische Zahl zu sein“, hat Spike Jonze uns gegenüber vor gut zehn Jahren mal gemutmaßt, als er, unterwegs durch L.A. per Limousine, auf seine Vergangenheit als Redakteur/Initiator von Zeitschriften wie Homeboy, Dirt und Grand Royal einging, allesamt Hefte, die es nie bis zur achten Ausgabe geschafft haben.

Wir hingegen hatten unter anderem ein Feature über den NYC-Nostalgie-Film „Deathbowl to Downtown“ in Ausgabe #8 – erzählt natürlich von Madame Sevigny –, in dem auch an Verstorbene wie Harold Hunter, Keenan Milton oder Justin Pierce erinnert wurde… was in einem Text wie diesem auch nicht fehlen darf.

Die Fingerspitzen landen mehr oder weniger unbeobachtet auf dem Papier, ziehen es seitlich hoch, alles hebt ab… wir blättern vor, blättern zurück, überspringen die nächsten zwei Anzeigenseiten… und vorwärts geht’s weiter.

Dieser Beitrag von Renko Heuer findet sich in unserer Jubiläumsausgabe, die du hier bestellen kannst.