Robin Wulf – Long Story short

„Machet sie erschtamol. I komm hier net woider“, meint der alte Mann vor mir am Geldautomat, nimmt seine Karte und geht. Er sieht aus, als hätte er sein Leben lang hart für sein Geld gearbeitet – wahrscheinlich in der Landwirtschaft oder als Winzer –, als hätte er einen großen Bogen um Computer, Mobiltelefone und vierstellige Codes gemacht und sein Geld vorzugsweise unterm Kopfkissen gehortet.

Er ist weg, ich bin wieder allein und laufe auf den Automaten zu, der zu rappeln anfängt, als würde die Erde beben. „Entnehmen Sie Ihr Geld, Auf Wiedersehen!“, steht auf dem Display, und er spuckt gefühlte zwanzig 50-Euro-Scheine aus. Ich nehme die warmen Scheine heraus, frage mich, ob die Aktion auf meinem Karma-Konto oder als das Ende meiner finanziellen Misere verbucht werden soll.

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FS Flip

Ich setze auf Karma, laufe ihm hinterher und gebe ihm sein Geld. Er bedankt sich höflich, ich gehe zurück zum Automaten und bereue die Aktion schon beim Blick auf meinen Kontostand. Wäre ich letztes Wochenende viermal den gleichen Run gefahren – so, wie man das anscheinend macht – würde es jetzt wohl anders auf meinem Konto aussehen, denke ich mir. Aber Gangsta-Rap didn’t make me do it this time, und Taktik war noch nie mein Ding. Vernunft übrigens auch nicht, denn warum bin ich eigentlich in der Bank?

Also long story short: Ich arbeite bei Bernd Aufrecht. Bernd sitzt im Rollstuhl, das heißt, er kann seinen riesigen, fahrbaren 10.000-Euro-Smoker nicht selbst lackieren. Dazu braucht er mich – und hitzebeständigen Lack. Gestern gibt er mir seinen Geldbeutel mit, damit ich heute früh vor der Arbeit den Lack kaufen kann. So weit, so gut. Nun ist es aber so, dass es zwischen Gestern und Heute auch noch eine Nacht gibt und ich gestern Nacht mit Julia im Kottan war und Geld am liebsten dann ausgebe, wenn ich eh keins habe.

Also erst mal ’ne Karaffe Weißwein und dann noch eine. Bernds Geldbeutel übernimmt die Bezahlung, denn ich habe kein Geld dabei und kann ja auf dem Heimweg beim Geldautomaten vorbei und sein Portemonnaie wieder bestücken. Gesagt, nicht getan. Stattdessen habe ich voll Bock auf Downhill, denn Stuttgart ist ein Kessel und bergab geht’s eh for life!

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FS Bluntslide

Jedenfalls musste ich dann am nächsten Morgen Geld von Laras Konto auf meins überschreiben, um das Geld zurückzuzahlen. Lara ist das süße dreißigjährige Mädchen, das mich jeden Morgen daran erinnert, die Zähne zu putzen. Geld von ihrem Konto zu nehmen ist eine Aktion, die ich äußerst ungern mache, auch wenn ich derjenige bin, der jeden Monat darauf einzahlt. Aber sag niemals nie, auf Prinzipien ist eh geschissen und die Pointe der Geschichte ist: Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne schmiedest. Also geht vor die Tür und genießt den Tag, er bringt mehr als 1000 Follower! And I’d rather be a dick than a swallower.

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Varial Heelflip

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By Robin Wulf
Photos: Danny Sommerfeld