XL – Das Daniel Ledermann Interview

Er selbst bezeichnet sich als Freigeist, kennengelernt habe ich ihn als kleine Nervensäge. Doch auch kleine Kids werden irgendwann älter, und so ist es interessant zu sehen, welche Entwicklung Dani Ledermann mittlerweile hinter sich gebracht hat. Seine Art zu Skaten, „mit angeknickten Beinen“, ist seit jeher eines seiner Markenzeichen, und auch die bunten Beanies und die übergroßen Klamotten sind schon von Weitem nicht zu übersehen. Zu seinen Spezialitäten gehört es, sich alle erdenklichen Höhen und Weiten mit dem Board hinunterzuschmeißen, weswegen er am Tag unseres Interviews zwar komplett zerstört ist, dennoch hat er sich sein Lachen und das freche Grinsen bewahrt – man könnte diesen Wesenszug vielleicht als „bayrische Bierseligkeit trifft auf philippinische Frohnatur“ definieren.

Hi Dani, wie geht’s?
Whoa, wir haben so die heftigste Nacht hinter uns!

Was ging bei euch?
Wir sind gerade auf Lites-Tour in Frankreich und sind heute Morgen um 02.00 Uhr an unserem Hostel in Le Havre angekommen, das hatte allerdings geschlossen. So mussten wir mit sieben Leuten im Van pennen, Alter. Ich bin gestern auch kurz vorher noch hart geslammt und müsste eventuell eigentlich mal ins Krankenhaus, nachdem ich einen Ollie in einen ziemlich steilen Ditch gemacht habe. Ich kann mich eigentlich gar nicht bewegen, mein Rücken ist gerade komplett am Arsch.

Zu siebt im Van gepennt?
Ja, es war einfach nur noch hardcore-beschissen, Mann. Ich habe zwei Stunden gepennt, Justin Sommer z.B. gar nicht. Huppi (Martin Huppertz) hat sein Zelt einfach mitten am Hafen aufgeschlagen. Es war echt eine heftige Aktion, so unnötig. Ich glaube, das war die schlimmste Nacht meines Lebens, und ich habe auch schon seit zwanzig Stunden nichts mehr gegessen. Ich bin gerade halbtot, kaputte Hüfte, kaputtes Steißbein, nichts gegessen, komplett fertig im Kopf.

Daniel Ledermann - 360 Flip
360 Flip

Es kommt mir vor, als wärst du in letzter Zeit häufiger verletzt gewesen?
Ja, das kommt vom Moshen. Ich kann nicht stundenlang an einem Curb-Trick oder einer Line festhalten, ich muss immer gleich ballern. Entweder schön hoch oder weit, es muss auf jeden Fall etwas dabei sein, wo man richtig was spürt beim Skaten. Immer und immer wieder auf einen Curb-Trick anfahren und die ganze Zeit den Trick bailen ist irgendwie nichts für mich – lieber einfach „BOOM“: Stufen runterballern oder auf ein Rail springen, wobei auch mal was passieren kann.

Scheinbar passiert dir dann ja auch ab und zu mal was?!
Meistens passiert mir allerdings was, wenn ich mich aufwärme zum Beispiel, einfach bei Flips im Flat, wenn ich dann umknicke. Es passiert irgendwie immer bei unnötigem Scheiß.

Was skatest du denn am liebsten? Hauptsache Schmeißen?
Ja, eigentlich schon. Ich mag Airtime, aber auch Balance halten bei Wheelies und auch Rails skaten. Aber am liebsten springe ich Gaps.

Wie viele Pullover hast du schon zerschlissen?
Früher war es echt krass, da gingen echt pro Woche zwei bis drei Stück drauf. Ich hatte irgendwann gar keine Pullis und gar keine T-Shirts mehr, sondern musste immer mit den Löchern im Rücken rumlaufen – ich denke, ich habe schon so 30-35 Pullis durch. Wenn ich baile, dann rutsche ich immer auf dem Arsch aus, so passiert mir am wenigsten.

Könnte es auch daran liegen, dass deine Pullis immer extralang sind?
Auch auf jeden Fall! XL, Xtra Ledermann!

cabflip
Caballerial Kickflip

Haha! Apropos Ledermann: woher kommst du eigentlich, und wo liegen deine Wurzeln?
Meine Mum stammt von den Philippinen und mein Dad aus Rammingen in Bayern mit 1.400 Einwohnern. Er ist ein typischer Bayer, ein Bierbrauer. Aufgewachsen bin ich in Deutschland, und über den Winter war ich immer auf den Philippinen, deswegen habe ich auch erst mit acht Jahren zum ersten Mal Schnee gesehen. Auf den Philippinen bin ich auf eine deutsche Schule gegangen, wir haben sogar den Lehrer aus Bayern mitgebracht.

Ein Privatlehrer? Dann müssen deine Eltern aber gut Knete haben…
Ja, und er wohnt jetzt dort! Er ist ein Freund meines Vaters und kam immer mit zum Urlaub machen. Dort hat er dann auch unterrichtet, und nun hat er eine Frau gefunden und ist dort geblieben.

Als ich dich ca. 2006 in München auf einer Team-Titus-Demo das erste Mal gesehen habe, warst du ca. 11 Jahre alt und ziemlich frech. Du hast viel genervt und wolltest die Aufmerksamkeit von den Großen.
Haha, ja, das ist eigentlich immer noch so! Ich war schon als Junge ein kleiner Freigeist und habe nur das getan, was mir gerade so in den Kopf gekommen ist, wie ein kleines Gummibärchen, das einfach rumgehopst ist, leicht hyperaktiv. Da habe ich aber noch nicht gesplifft, da war ich noch nicht so gechilled.

Aber bunte Klamotten hattest du bereits an!
Ja, und lang waren sie auch schon!

Daniel_Ledermann_BS_Lipslide
BS Lipslide

Was wolltest du mal werden, als du klein warst?
Eigentlich wollte ich immer irgendetwas in Richtung Kampfsport machen. Als kleines Kind war ich immer voll viel draußen und bin rumgeklettert, außerdem haben wir auf den Philippinen immer Shaolin-Filme mit Jet Li und Bruce Lee geschaut. Das war mal mein Traum, da war ich aber noch wirklich ganz klein. Und seit ich acht Jahre alt bin, fahre ich Skateboard, deswegen ist Skaten mein Lifestyle. Seitdem denke ich gar nicht darüber nach, was ich in Zukunft machen werde, außer dass ich eventuell mal die Brauerei von meinem Dad übernehmen werde. Aber eigentlich habe ich nur Skaten im Kopf.

Wie alt bis du?
Gerade 19 geworden.

Gehst du noch zur Schule?
Nee, nicht mehr seit ich 16 bin. Wie gesagt, ich bin ein Freigeist, und ich war nur in der Schule, weil ich hin musste. Ich habe das mit den Lehrern geklärt, dass ich mich einfach nur reinsetze und den Stoff nebenbei mitmache. Ich hatte durch die Brauerei immer die Absicherung, im Familienbetrieb zu arbeiten, deswegen wollte ich auch nie eine Ausbildung anfangen.

Hast du da vielleicht nicht einfach den Weg des geringsten Widerstands gewählt, oder anders gefragt: Kann man das auch als Faulheit bezeichnen?
Keine Ahnung, es war einfach nie mein Ding. Als ich am allerersten Schultag eine Schultüte in die Hand gedrückt bekommen habe, wollte ich eigentlich gleich wieder wegrennen, ich wollte überhaupt nicht in die Schule rein, haha! Es war schon immer wie eine Anstalt für mich. Man geht rein und trifft Leute, die nicht wirklich Homies sind.

Aber das geht doch jedem Jugendlichen so, also keinen Bock auf Schule zu haben…
Ich habe schon immer gesehen, wo das Geld reinkommt, weil mein Dad ja selbstständig ist und ich immer gedacht habe, dass es das Beste ist. Bis er 30 Jahre alt gewesen ist, hat er nur Musik gemacht und danach erst mit dem Bierbrauen begonnen, und seitdem verdient er gutes Geld. Ich musste auch nach der Schule immer aushelfen, und momentan arbeite ich meist vormittags bei ihm.

Dann läuft es ja gerade ziemlich gechillt für dich!
Ja, voll!

Daniel Ledermann - Kickflip
Kickflip

Gibt es als Skater in Bayern oder in München öfters Ärger mit der Polizei?
Ich glaube, der gesamte Freistaat Bayern hat einfach viel zu viel Geld, und die Cops haben dafür zu wenig zu tun. Sobald sie uns Skater auf der Straße sehen, fragen die nicht, was wir da machen, sondern sagen direkt, dass wir abhauen sollen. Und wenn wir etwas dagegen sagen, werden wir sofort kontrolliert. Mein Homie Joscha wurde z.B. in der Bahn mit einem Messer bedroht und hat bei der Polizei angerufen, und als die gekommen sind, waren die Typen schon weg und die Bullen haben dann Joscha mitten auf der U-Bahnstation bis auf die Boxershorts ausgezogen, so krank sind die unterwegs! Nur weil er verdächtig nach Weed aussieht. Du kannst denen sagen, dass sie das nicht dürfen, aber die machen es einfach oder nehmen dich mit aufs Revier. Das gibt uns voll den Anreiz, standhaft gegen die Bullen zu sein, denn wir denken uns dann „Fickt euch ins Knie, Alter!“

Das Verhältnis zwischen euch und der Polizei ist also nicht gerade besonders gut.
Nein, das ist nie gut! Es gab bisher nur Stress mit den Bullen, ich habe jetzt mit 19 Jahren schon zwei Einträge wegen Weed, das gibt es wegen solchen Lappalien nirgendwo anders in Deutschland. Die sitzen am Bahnhof, halten dich auf, ziehen dich aus, finden einen Joint und es gibt direkt eine Anzeige.

Raucht ihr denn auch in der Öffentlichkeit am Spot, oder passt ihr auf?
Wir suchen immer Save-Spots, wie z.B. Gullideckel, und wenn Polizisten in Zivil ankommen, kann man den Joint in einem Loch versenken. So riecht’s halt nur, aber es gibt keine Beweise.

Wie ist denn momentan die Stimmung in Münchens Skateszene?
Harmonisch wie nie! Alle sind freundlich zueinander und jeder geht mit jedem gerne skaten. Früher gab es sehr viel Hate zwischen Titus und Goodstuff, und jetzt ist es einfach nur eine Skategemeinschaft. Wenn man hier auf einen Contest geht, ist immer gute Stimmung, die ganzen Münchener sind einfach korrekt. Eben auch durch den SHRN, Soo Hot Right Now, da gehen mittlerweile die meisten Skater hin. Früher war es echt krass mit dem Haten. Es gibt voll viele Crews wie z.B. Bottomline oder unseren Marijuth Clan, und wir treffen uns regelmäßig. Abends trinken wir dann alle immer Augustiner zusammen im Maßmannpark, skaten oder spielen Fußball.

Wie kann man sich denn einen normalen Samstags-Skatetag mit der Marijuth Gang vorstellen?
Joscha und ich würden aufstehen, einen Joint rollen, raus gehen auf den Balkon und dann irgendwas zu essen machen. Beim letzten Mal haben wir zum Frühstück zwei 400g-Steaks gegessen, weil wir so Hunger hatten. Dann rufen wir Juli Sonntag an, unseren Filmer, der ist meistens um halb zwölf schon wach. Getroffen wird sich am Maßmann-Skatepark, mitten in der Stadt, da wird noch mal einer aufgerollt und Bier getrunken auf jeden Fall. Dann gehen wir Streetskaten, pushen einfach nur rum oder fahren U- und S-Bahn, damit kommt man easy an die Spots. Abends gehen wir wieder an den Maßmann und dann wird bei Papa Lars, der wohnt gleich in der Nähe, Fußball geschaut, Looping Louie gezockt und Bier und Jägermeister getrunken.

Du magst ja bekanntlich gerne den Hardflip – was sind deine persönlichen drei „favorite Hardflips ever“?
Luan (Oliviera) hat auf jeden Fall einen krassen Hardflip, genau so wie er den über Rails oder Ledges macht muss der aussehen! Einfach zwischen 45° und 90° wieder reinholen. Den Ghettobird habe ich das erste Mal von Andrew Pott aus einem Kicker über eine Schulbank gesehen und, Alter, ich dachte nur, dass sind ja zwei Antibewegungen in einer und dann auch noch switch weiterfahren – den muss ich unbedingt lernen! Und Sewa (Kroetkov) macht die krassesten Hardflips im Flat, außerdem in alle Grinds und Wheelies rein – als ob es ein Kickflip für ihn wäre.

Ghettobird
Ghettobird

Was gibt es Neues von der Sponsorenfront? Mittlerweile fährst du ja für Supra…
Das deutsche DC-Team wurde aufgelöst und Ingo (Bremmes) macht es nicht mehr. Es wird wohl nur noch ein Europe-Team geben, keine nationalen Teams mehr. Das ist denen wohl zu blöd geworden oder die haben da kein Cash mehr für. Dadurch, dass Leo (Preisinger) mir Kr3w klargemacht hat, hatte ich dann auch den Kontakt zu Supra.

Und taugen dir die Schuhe?
Ja. Und das Image ist auf jeden Fall krass. Ansonsten bin ich voll stolz, für Favorite zu fahren, Valle Ott ist jetzt auch neu im Team, ansonsten Michel Funke, Mario Ungerer, das ist eigentlich eh schon meine Familie, alle Homies sind in einem Team.

Warum könnten deine Freunde genervt von dir sein?
Hm, weil ich echt krasse Stimmungsschwankungen habe!

Und wann freuen sich deine Freunde, dich zu sehen?
Auf jeden Fall, wenn ich nach München komme! Dann wird erst mal heftig aufgerollt und mit Augustiner angestoßen, so dass es überschwappt.

Na dann prost, vielen Dank für das Interview und eine schnelle Genesung! Noch irgendwelche Grüße?
Ich möchte mich bei euch für das Interview bedanken, bei Leo für die Bilder, beim Marijuth Clan, meiner Familie, Dad, Mum, meinen Brüdern, Joscha, Mario, Michel und großen Dank an die bayrische Polizei dafür, dass sie solche Opfer sind.

By Benni Markstein
Fotos: Leo Preisinger
BS Lipslide by Dennis Scholz